„Anarchie und Alltag haben mehr gemeinsam als man glaubt.“ Die Antilopen veröffentlichen ein Remake von Früher war nicht besser mit den Regensburger Loop-Session-Matadoren von den Tribes Of Jizu und betonen mit bemerkenswerter Eindringlichkeit die Souveränität und Zufälligkeit des Mensch-Seins; ein Artikel über einen Song, der zum Nachdenken einlädt, für all diejenigen, die Anarchie und Alltag noch immer nicht verstanden haben.
– ein Kommentar von Sebastian Daniel
„Wir werden scheitern an uns selbst und niemand anderes ist schuld.
Koljah (Antilopen Gang) [Quelle: https://genius.com/Antilopen-gang-gestern-war-nicht-besser-lyrics, 24.01.2019.]
Es ist verrückt, ich hab mein Glück so oft mit Füßen getreten,
Dass ich beschloss, es wäre besser nur noch nüchtern zu leben.
Alle paar Jahren steht man da, sammelt die Scherben zusammen;
Es geht ja immer weiter, das ist das Perverse daran.
Den Kopf in die Erde zu rammen scheint ’ne vernüftige Idee,
Aber sich selber umzubringen ist das Dümmste, was es gibt.
Doch ich blick nicht mehr zurück und ich blick auch nicht nach vorne.
Ich tu nur im hier und jetzt genau das, was ich immer wollte, Kol!“
Mit diesen auf den ersten Blick düster erscheinenden Worten schließt Koljah seinen Part; und doch liegt genau in dieser vordergründigen Tristesse der Songatmosphäre die ironische Brechung der eigentlichen Aussage. Es wird etwas Lebensbejahendes vermittelt, eine Freude am Leben, eine „Gut-So-Weiter-So“-Mentalität. …und letztlich auch ein Vorwurf Jakob alias NMZS gegenüber, der 2013 Suizid beging, was Koljah als „das Dümmste, was es gibt“ bezeichnet.
Es wird hier ein Glückszustand thematisiert, der daraus entspringt, dass man sich als seiner eigenen Hilflosigkeit gegenüber der Zeit ausgeliefert erkennt und fügt – ein geradezu stoischer Glücksbegriff. Die Antilopen rappen darüber, glücklich zu sein, dadurch dass man genau das tut, was man kann und was man will, und eben gerade nicht versucht, ewigen Idealen hinterher zu rennen, die man letzen Endes eh nicht erreichen kann. So manch einer mag das als nihilistisch bezeichnen und mag damit vielleicht sogar recht haben; doch ist die Rede an dieser Stelle nicht von einem pessimistischen Nihilismus, sondern von einem Weltbild, das sich gegen eine verträumte Naivität richtet und einen gesunden Realismus fordert, der sich durch eine nüchterne Akzeptanz der alltäglichen, stetig wiederkehrenden „Ups-and-Downs“ im Leben eines Jeden auszeichnet. Die Instrumentalisierung unterstütz dabei im Übrigen die Aussageabsicht des reflektiert-melacholischen Tracks: ein ruhiger Herzschlag-Beat mit treibenden High-Hats, eine sentimentale, sich wiederholende Piano-Begleitung und die aufsteigenden High-Notes der Gitarre im Refrain zum Ausdruck gelassener Harmonie vor dem Hintergrund der durchaus ernsten Grundstimmung der Lyrics.
„Nichts ist vorbestimmt, was für ein Schrott.
Panik Panzer (Antilopen Gang) [Quelle: https://genius.com/Antilopen-gang-gestern-war-nicht-besser-lyrics, 24.01.2019.]
Nur naive Trottel glauben an den allmächtigen Gott.
Ich bedanke mich bei niemand, weiß das Gute nicht zu schätzen.
Was der Zufall dir mal schenkte, wird die Zukunft schon zerbrechen.
Die Schlösser, die ich baute wurden eine Ruine.
Doch ein neues Schloss zu bauen, ist für mich reine Routine.“
Weiterentwickelt wird der zuvor angesprochene Realismus und das Bild des mündigen Menschen im darauffolgenden Part von Panik Panzer, der das ewige Problem der Religionen dieser Welt aufgreift: den alten Streitpunkt des Theodizee-Problems, das der Existenz eines allmächtigen, alles bestimmenden Gottes irgendwie zuwiderläuft. Was dir im Leben geschieht, was du bekommst, ist dir nicht vorbestimmt noch von einer höheren Instanz geben. Allein der Zufall und dein eigenes Handeln bestimmt dein Dasein und, wenn dir etwas Gutes passiert, wird es dir sicher irgendwann wieder genommen. Es liegt an dir, ob du es dir wieder holst, oder nicht.
Ja, das mag sich hart anhören; und doch ist es im Grunde motivierend und erbauend, zu wissen, dass man eigenständig und souverän über sein „Schicksal“ bestimmen kann, das in diesem Verständnis dann eben kein von oben festgesetztes und unabänderliches Abstraktum ist, dem man sich hilflos zu fügen hat, sondern ein variabler Zustand. Ob es einem gestern besser ging oder man sich heute schlechter fühlt, ist also letztlich indifferent, da die Begriffe „gestern“ und „heute“ zeitlich inkonstant sind und nur in Relation zu einem „Jetzt“ Geltung erlangen, das allerdings der Zufälligkeit unterliegt und somit vom einen Moment auf den anderen ins Gegenteil verändert werden kann. Konstant bleibt wohl nur der ewige Spruch eines weisen Mannes, wonach alles relativ ist.
„Ich kenn mich nicht damit aus, doch glaub, sein Leben zu leben,
Danger Dan (Antilopen Gang) [Quelle: https://genius.com/Antilopen-gang-gestern-war-nicht-besser-lyrics, 24.01.2019.]
Heißt nicht, Probleme zu lösen, sondern Probleme zu tauschen.
Doch ich reg mich nicht auf, denn alles, was passiert, das passiert.
Ich kann nicht behaupten, ich hab es bewirkt.
Man kann sein Glück provozieren, doch sollte nie darauf vertrauen.
Denn Anarchie und Alltag haben mehr gemeinsam als man glaubt.“
Im letzten Part bringt es Danger dann auf den Punkt: Probleme gibt es im Leben immer; sie verschieben sich nur von einem Bereich zu einem anderen. Das, was passiert, passiert ohnehin, ob man es will, oder nicht. Wer das begreift, versteht auch, weshalb Anarchie und Alltag trotz ihrer natürlichen, semantischen Widersprüchlichkeit, mehr gemeinsam haben als man glaubt. Alltägliches Geschehen entzieht sich der Kontrolle des Individuums aufgrund des Zusammenlebens in gesellschaftlichen Gruppen und übergeordneten Strukturen sowie der Bindung an Raum und Zeit. In der Konsequenz ist folglich der Alltag die reinste Form der Anarchie.
Diesem Verständnis muss man nicht zustimmen, aber man kann zumindest eine andere Perspektive auf sich und seine Umwelt erlangen. Man kann sich endlich befreien von der leidigen Frage „Gibt es ein Schicksal?“ und sich seiner Eigenverantwortlichkeit bewusst werden. Sicher, es wäre einfach und schön, sich einzureden, dass ohnehin alles vorbestimmt ist und man doch eh nichts ändern kann. Aber wäre es nicht irgendwie auch extrem traurig und konsternierend, zu wissen, das man ein determiniertes Leben ableisten muss, ohne auch nur die Chance zu besitzen, in Eigenregie etwas zu vollbringen, das Bedeutung hat, das bleibt und etwas verändert?
Wäre ein Leben ohne einen gewissen revolutionären Ansatz nicht ein furchtbar Elendes? Ist es nicht der Wunsch eines Jeden, eine Aufgabe zu haben und vor Ladenschluss noch etwas zu leisten, um guten Gewissens das „Geöffnet“-Schild auf „Geschlossen“ zu drehen? …oder um mit den Worten der Antilopen Gang zu enden: „Die Zeit ist reif für eine Umwälzung!“.
