Die Higher Brothers eröffnen das Jahr 2019 mit einer Straßenparade. Mit “Open it Up” liefern sie einen Vorgeschmack auf das diesjährige Album. Die 2-Track EP weiß zu begeistern, macht dabei jedoch einen großen Fehler.
– Review von Fabian Saxinger
Asiatischer Rap hatte für lange Zeit den komischen Beigeschmack von Sushi, das man vom Italiener kauft: irgendwie unpassend und in der Speisekarte versteckt auf der letzten Seite. Dass sich diese Vermutung jedoch als ein Irrtum herausstellte, bewies Labelchef Sean Miyashiro im Jahre 2015, als er das Musiklabel 88 Rising gründete. Sein Ziel: Asiatische Repräsentation im amerikanischen Musikmarkt. Seinem Gedankengang schlossen sich Künstler wie der indonesische Rapper Rich Brian oder Joji aus Japan an, die in den letzten Jahren zu den wichtigsten Newcomern in der Musikbranche gezählt werden können.
Doch die geheimen Stars in der Entwicklung des kommerziell erfolgreichen asiatischen Raps sind die Higher Brothers. Ihre neueste EP Open it Up beweist einmal mehr, dass Hip Hop noch immer ein Grenzen sprengendes Medium sein kann.
Der namensgebende Song der 2-Track EP wird mit klassischen Rap Shout-Outs eingeleitet, doch sobald die verschrobenen Synths einsetzen, findet man sich nicht mehr in Amerika, sondern nachts auf einer chinesischen Straßenparade wieder: Papierdrachen treiben neben den rot beleuchteten Straßenständen umher, und, während man staunend dieses exotische Spektakel genießt, hört man gelassen diesen vier Jungs zu, die etwas in einer komplett unbekannten Sprache erzählen. Das tut der Unterhaltung jedoch keinen Abbruch. Der von den vier chinesischen Künstlern MaSiWei, DZKnow, Psy.P und Melo gesprochene Sichuan-Dialekt verbindet sich aufgrund seiner Härte perfekt mit dem Beat und transportiert den Zuhörer durch seinen hypnotisierenden Flow in eine andere Welt. Die einzelnen englischen Phrasen erwecken nie den Eindruck fehl am Platz zu sein. Schon beim dritten Mal Hören ertappt man sich dabei, Zeilen wie “I feel like Mike Tyson” und “Open the Shit Up” kopfnickend zu wiederholen.
„[…] und man realisiert, dass auch ein einzigartiger Flow und gute Beats nichts helfen, wenn man nichts zu erzählen hat.“
Der zweite Track “16 Hours” nimmt den Zuhörer an die Hand, zieht ihn weg von den bunten Lichtern der Parade und lässt ihn die letzten Momente einer lang durchzechten Nacht genießen. Die Jungs, die gerade nur in Ansätzen Englisch gesprochen haben, erzählen nun von ihrem Erfolg und ihrem Jetset-Leben. Und hier kommt es auch zu einem kleinen Problem. Man versteht endlich den Großteil des Textes. Zwar ist der einzigartige Flow der vier Chinesen immer noch aufregend, doch das, was sie erzählen, ist nichts Neues: Dröges Geflexe, das so schon von jedem größeren Trap-Artist verheizt wurde. Das Alleinstellungsmerkmal ist plötzlich fast komplett weg und man realisiert, dass auch ein einzigartiger Flow und gute Beats nichts helfen, wenn man nichts zu erzählen hat. Man findet sich also plötzlich in diesen letzten Momenten der Nacht wieder, aber diese eben noch so mysteriösen Typen feiern sich plötzlich nur noch selbst ab. Das ist anfangs noch ganz witzig, aber nach einiger Zeit ist man genervt. Man bestellt sich ein Bier, nimmt es mit nach draußen und hofft, dass wenigstens die schöne Straßenparade noch in vollem Gange ist.
„Schuster bleib bei deinen Leisten!“
Der Appeal der Higher Brothers kommt eben von ihrem schweren chinesischen Dialekt. Für 2019 ist ein neues Album angekündigt. Hoffentlich wird sich dabei wieder auf die ursprünglichen Werte berufen, die noch so schön in “Open it Up” verpackt wurden. Ansonsten wäre das so, als würde man sich einen Burger bei seinem Sushi-Restaurant des Vertrauen zu bestellen. Manchmal hat man Bock darauf, aber nach dem ersten Bissen weiß man nicht, ob McDonalds doch einfach die bessere Wahl gewesen wäre.
